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History

“History Does Not Start With A Maybe.” – Or does it?

Der Blick der Geschichtswissenschaft ist ihrem Gegenstand gemäß zunächst in die Vergangenheit gerichtet. Kann der Blick zurück aber auch eine kritische politische Perspektive auf die Gegenwart ermöglichen? Das Symposium History is unwritten widmet sich den Möglichkeiten und Fallstricken eines Bezugs auf die Vergangenheit, der sich auch einer besseren Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Gegenwart verpflichtet sieht.

Geschichtswissenschaft in die Arena gegenwärtiger Politik zu tragen, gibt zunächst Anlass zur Skepsis. Diese ist einerseits in den zahlreichen historischen Beispielen von Vergangenheitsbezügen begründet, die die Darstellung von Geschichte für die Stabilisierung von Machtverhältnissen instrumentalisierten. Darüber hinaus haben sich auch soziale Bewegungen mit einem emanzipatorischen Selbstverständnis der Geschichte bedient und eigene problematische Beispiele für eine vereinfachende und instrumentalisierende Traditionsbildung geliefert. Angesichts der Homogenisierungen und Exklusionen, die die auch Traditionsbildungen unter linken Vorzeichen begleitet haben, eine politische Bezugnahme auf die Vergangenheit prinzipiell abzulehnen. Gleichwohl ist auch eine Geschichtswissenschaft, die sich selbst als unpolitisch begreift, ganz wesentlich von den politischen Verhältnissen der Gegenwart geprägt. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, sich mit diesen Verhältnissen auseinanderzusetzen und eine bewusste und selbstkritische Verortung darin anzustreben.

Es gibt hierfür jedoch noch einen weiteren Grund: Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit birgt ein emanzipatorisches Potenzial, denn sie kann Gesellschaft als einen von politischen Subjekten gestalteten Prozess begreifbar machen – und damit auf die Veränderbarkeit der Verhältnisse im Hier und Jetzt verweisen. Gesellschaftliche Machtverhältnisse erscheinen so nicht mehr als unveränderliche Gegebenheiten, sondern als Prozesse, die von Menschen gestaltet und somit auch verändert werden können. Der Blick zurück eröffnet also nicht zuletzt die Möglichkeit, „die Welt im Licht ihrer nicht verwirklichten Möglichkeiten“ (Herbert Marcuse) zu betrachten.

In diesem Sinne soll die Tagung die Frage aufwerfen, was der global wirkmächtigen Erzählung über den Sieg und die Alternativlosigkeit des kapitalistischen Gesellschaftsmodells entgegengestellt werden kann. Nach dem angeblichen “Ende der Geschichte” scheint auch die Artikulation einer großen linken (Gegen-)Erzählung ihr Ende gefunden zu haben. Vor diesem Hintergrund soll diskutiert werden, welche historischen Bezüge bei gegenwärtigen sozialen Kämpfen eine Rolle spielen und welche neuen gegenhegemonialen Erzählungen dabei entworfen werden.

Für dieses Anliegen kommt der Verbindung von kritischer Geschichtsanalyse mit den Praxen sozialer Bewegungen in der Gegenwart zentrale Bedeutung zu – anders gesagt: dem Zusammentreffen von wissenschaftlicher Arbeit mit gesellschaftlichen Kämpfen. Das Anliegen einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war stets verknüpft mit den Interventionen politischer Aktivist/innen in das Feld der hegemonialen Ge­schichtsschreibung und -wissenschaft. Akteur/innen aus sozialen Bewegungen nahmen Ansätze aus der Ge­schichtswissenschaft auf, erweiterten diese aber zugleich und konfron­tierten die akademische Geschichtswis­senschaft dadurch mit offenen Fragen, unhinterfragten Grund­annahmen und Leerstellen. Das Verhältnis zwi­schen sozialen Bewegungen und akademischer Geschichtswissenschaft begreifen wir vor diesem Hinter­grund als ein konfliktreiches und zugleich produktives Spannungsfeld.

Für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unter linken Vorzeichen stellt sich schließlich auch die Frage nach einer gemeinsamen Klammer, welche die heterogenen sozialen Bewegungen der Gegenwart verbinden könnte, ohne sie zugleich zu homogenisieren. Welche Rolle spielt die Geschichte für gegenwärtige Kämpfe um die Zukunft? Wie viel linke Identität darf und sollte über historische Bezüge hergestellt werden? Brauchen wir ‘linke Mythen’?

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