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Die Zeiten stürzen ineinander.

 

Wir dokumentieren an dieser Stelle die geringfügig geänderte Langfassung der “Thesen zur Fragmentierung des kollektiven Gedächtnisses und Strategien linker Geschichtspolitik” von Max Lill, die unter dem Titel “Die Zeiten stürzen ineinander” erfreulicherweise in der Nr. 604 der Zeitung ak – analyse und kritik erschienen sind: http://www.akweb.de/ak_s/ak604/index.htm/. Den Text gibt es hier als PDF.

 

Thesen zur Fragmentierung des kollektiven Gedächtnisses und Strategien linker Geschichtspolitik

von Max Lill

Die Erinnerung des 1. Weltkriegs und des Mauerfalls 1989 bildeten 2014 die Höhepunkte eines schon länger zu beobachtenden Trends: Seit Jahren lässt sich ein Boom öffentlicher Jubiläums-Feierlichkeiten beobachten, begleitet von viel Pomp und bedrucktem Papier. In diesem Gedenk-Reigen lässt sich oft mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit lernen. Das war einer der Ausgangspunkte der Loukanikos-Debatte, die im ak-Sonderheft „History is unwritten“ und in dem [im April 2015] unter gleichem Titel beim Verlag Edition Assemblage veröffentlichten Sammelband nachzulesen ist: Aktuelle Konflikte und Machtverhältnisse artikulieren sich im Rückbezug auf die Geschichte, rücken sie in ein mehr oder weniger einseitiges Licht und machen sie zum Schauplatz politischer Kämpfe.

Das gilt, so ließe sich mit Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Krisen ergänzen, besonders für Epochen des Umbruchs. In ihnen wird die Historie neu verhandelt und in gewissem Sinne neu erfunden. Jeder Wechsel der Hegemonieverhältnisse legitimiert sich auch mithilfe von spezifischen Geschichtsmythen, die den (veränderten) Status Quo als Ergebnis einer quasi natürlichen Fortschrittsbewegung darstellen.

So weit, so geläufig. Nur ist im Rückblick auf die jüngsten Erinnerungs-Konjunkturen oft gar nicht so leicht zu sagen, welche Grundannahmen und Bilder die eine große „Basiserzählung“ (Loukanikos) tragen. Ist das öffentliche Gedenken derzeit wirklich vor allem ein Raum der nationalen Konsensbildung? Oder doch eher Schauplatz des fortschreitenden Zerfalls „großer Erzählungen“ – einschließlich der linken Gegenerzählungen? Und wie sollte es die Linke angesichts dessen mit dem schillernden Problem des Mythos halten?

  1. These

Die zahlreichen Jubiläums-Debatten der letzten Jahre sind nicht von „Geschichtsmythen“ im Sinne geschlossener „großer Erzählungen“ dominiert. Ein Anspruch auf „objektive“ und umfassende Erklärung wird nur noch selten erhoben. Nicht Homogenität und Linearität prägen das kollektive Gedächtnis, sondern Fragmentierung und Psychologisierung: ein Kaleidoskop aus subjektiven Bildern und Assoziationen, durchmischt mit den Bruchstücken überkommener politischer Ideologien. Der Scherbenhaufen der Geschichte wird mit den Mitteln der Alltags- und Populärästhetik zu einem spektakulären Spiegelkabinett rekonstruiert. Jede Epoche ist nur mehr einen Suchbefehl entfernt, zerfällt aber in mehr oder weniger isolierte und daher in hohem Maße willkürlich und instrumentell besetzbare Motive. Die Zeiten stürzen ineinander. Sie werden als Kulisse für die Dauerinszenierung des permanenten Wandels im Hier und Jetzt fortlaufend neu arrangiert, produzieren aber gerade auf diese Weise ein Gefühl der Stagnation, der Wiederholung des immer Gleichen. In diesem Irrgarten der Projektionen soll auch der Blick in die Vergangenheit letztlich nur auf uns selbst und unseren ganz persönlichen Kampf um ein Stück Autonomie und Sicherheit zurückverweisen. Der Neoliberalismus braucht aus seiner eigenen Logik heraus keine Geschichtsphilosophie jenseits der abstrakten Erzählung vom Siegeszug der individuellen Freiheit und Verantwortlichkeit und damit vom „Ende der Geschichte“ (Fukuyama). Er arbeitet vor allem mit dem stummen Zwang zur Ökonomisierung und mit einer Ideologie der Auflösung aller Kontinuitäten: Kulturgüter und historische Narrative gelten ihm nur als Requisiten der Selbstvermarktung. Ein Bewusstsein für soziale Interessengegensätze und Kämpfe erwächst dagegen immer aus kollektiver Überlieferung, aus praktischen historischen Lernprozessen, aus der je individuellen Aneignung und Neustiftung von „Tradition“. Das Hauptproblem, dem sich linke Geschichtspolitik heute stellen muss, ist also nicht zu viel, sondern zu wenig Kohärenz im Weltbezug. Dieses Problem spitzt sich in der aktuellen Krise des neoliberalen Kapitalismusregimes zu: Wir sind auch mit einer Sinn- und Orientierungskrise konfrontiert.

  1. These

Am geschichtspolitischen Orientierungsverlust haben die linken Spielarten des radikalen Dekonstruktivismus erheblichen Anteil. Ihre pauschale Kritik von Versuchen, Gesellschaft und Geschichte wenigstens annäherungsweise als Gesamtzusammenhang zu beschreiben, zu erklären und auch zu empfinden, untergräbt die Möglichkeit, sich bewusst als historisches und widerstandsfähiges Subjekt zu positionieren – und sei es im Wissen um die eigenen Widersprüche und multiplen Rollen, sprich: auf potentiellen Widerruf hin. Die Diskreditierung von traditionsstiftenden Gegenerzählungen als per se „mythisch“, die Behauptung, wir könnten sowieso nichts tun, außer universelle Zweifel zu sähen, ist Gift für die dringend notwendigen Such- und Verständigungsprozesse innerhalb der sozialen Bewegungen. Eine solche Haltung, wie sie auch in einigen Beiträgen zur geschichtspolitischen Montage des Loukanikos-Kollektivs eingenommen wird, führt in einen Zirkel der philosophischen Selbstbeschäftigung. Sie reflektiert und verlängert ungewollt die neoliberale Hegemonie, in deren „postmodernistische“ Erzählung jedes noch so „störend“ gemeinte Einzelfragment problemlos eingebaut werden kann: Vielfalt und Nonkonformismus sind in ihrer Vereinzelung, als Teil eines „Diversity-Managements“, sogar Treibstoff der Verwertungsmaschinerie, eine keineswegs ganz neue Erfahrung. Die dennoch bemerkenswerte Zählebigkeit des linksradikalen Dekonstruktivismus ist auch ein Erbe aus der zwiespältigen Geschichte der Neuen Linken: Sie ist Teil eines sich immer wieder neu aufschaukelnden Wechselspiels mit den weltanschaulichen Dogmatismen linker Identitätspolitik. Der universelle Zweifel ist damit auch Ausdruck eines lange gepflegten Rückzugs auf die gegenkulturellen Distinktionspraktiken zwischen lebensweltlich verankerten Szenen. Das Problem ist also keineswegs nur ein akademisches, sondern Teil einer Alltagskultur, in der subtile Techniken der wechselseitigen Verunsicherung gedeihen. Das wirkt lähmend. Es ist höchste Zeit, den Mut aufzubringen, öfter wieder aufs „Ganze“ hin zu denken – immer als offene Suche, als Entwurf, als kontroverse Annäherung, nicht mehr. Denn wenn es in dem sich gegenwärtig abzeichnenden historischen Epochenbruch nicht gelingt, die aus den vielfältigen Emanzipationskämpfen erwachsenden Gegenerzählungen stärker zu integrieren und zu popularisieren, dann könnte das politische Deutungsvakuum durch einen der tödlichsten Geister der Vergangenheit gefüllt werden: Den Nationalismus und andere ausgrenzende Gemeinschaftsideologien.

  1. These

Im akademischen „cultural turn“ spiegelt sich eine zunehmende Subjektivierung der historischen Erinnerung: eine Aufladung von Geschichtsbildern mit wechselnden persönlichen Bedeutungen. Trotz der damit verbundenen Gefahren eines politischen und theoretischen Orientierungsverlustes, sollte diese Entwicklung auch als Chance zur Emanzipation begriffen werden: für eine eigensinnige und immer bewegliche Aneignung der Geschichte aus der lebensweltlichen Praxis und ihren Alltagskämpfen heraus. Geschichte als Ressource der subjektiven Sinnstiftung einerseits und der kollektiven politischen Orientierung andererseits schließen sich nicht wechselseitig aus, sondern sind sogar systematisch aufeinander angewiesen. Sie folgen aber einer je unterschiedlichen Logik. Das gilt ebenso für kritische Geschichtswissenschaften, die das empirische und konzeptionelle Material sowohl für subjektive als auch für politische Formen der Aneignung des Vergangenen liefern – auf dem Boden einer nüchternen und immer wieder auch „zweifelnden“ Quellenanalyse. Die aus diesen unterschiedlichen Zugängen zur Geschichte erwachsenden Widersprüche sollten wir respektieren und als produktive Spannung nutzen, statt sie gegeneinander auszuspielen oder sie in einem undifferenzierten Nebeneinander bloßer „Meinungen“ aufzulösen. Letzteres wäre keine Demokratisierung der Debatte, sondern hieße, vor der Verantwortung als Historiker_innen und Sozialwissenschaftler_innen, mit einem eben doch institutionell privilegierten Zugang zu historischem Wissen, davon zu laufen.

  1. These

Die Tendenz zur Subjektivierung von Geschichtsbezügen wäre – aus wissenschaftlicher Perspektive – als Teil eines historischen Strukturwandels des Öffentlichen zu begreifen. Die Aufladung von Geschichtsbildern mit subjektivem Sinn wurde mit der Herausbildung moderner bürgerlicher Gesellschaften im 19. Jahrhundert zunächst vor allem in den relativ verselbstständigten sozialen Systemen der Kunst und der intimen/familiären Beziehungen kultiviert: Im Rahmen einer ästhetisierten Gegenwelt zur entfremdeten – d.h. durch eine instrumentell verkürzte Vernunft geprägten – Alltagserfahrung im Kapitalismus. Diese Gegenwelt sollte persönliche Bedeutungen stiften, Gefühle und Sinnlichkeit reflektieren und war dabei immer auch mythisch durchwirkt. Dem entsprach im klassischen Bürgertum eine relativ strikte Trennung von öffentlicher und intimer Sphäre: von Erwerbsarbeit, Politik und Familie – kulturell verankert in einer rigiden, patriarchalischen Geschlechterordnung. Mit der Zersetzung dieser Sphärengrenzen und der Entwicklung populärkultureller und avantgardistischer Formen der Alltagsästhetik im 20. Jahrhundert streute die künstlerisch-subjektive Bezugnahme auf Geschichte zunehmend in nahezu alle Lebensbereiche und Klassenmilieus hinein – gebrochen, aber keineswegs ganz nivelliert durch die Mechanismen einer verwertungsgetriebenen Kulturindustrie und einer systematischeren politischen Propaganda. Die individuell-flexible Aneignung der überlieferten Erinnerung ist dabei auch Ausdruck einer langfristigen Erosion sozial tradierter und normierter Rollenmuster und Identitätskonstruktionen. Das stellt auch Herrschaftsbeziehungen in Frage, die sich seit jeher über kollektiv verankerte Geschichtsmythen legitimiert haben. Hierin liegen die Berechtigung und das Verdienst konstruktivistischer Bezugnahmen auf die Geschichte: Sie erkennen die Bedeutung der vielen kleinen Geschichten an, in denen die Würde des je Besonderen – und idealer Weise auch des Unterdrückten und Verdrängten – aufgehoben ist. Sie verschaffen den Subjekten eine begrenzte (und sozial natürlich nach wie vor sehr ungleiche) „Ellenbogenfreiheit“ gegenüber der Last der Tradition und ihrem Korsett der Identitäten. Darin zeigt sich ein Emanzipationspotential der bürgerlichen Gesellschaften, das allerdings durch die Entfesselung kapitalistischer Verwertungszwänge und Widersprüche, durch Vereinzelung und soziale Spaltung existenziell bedroht ist und immer wieder neu, im schrittweise sich erweiternden Radius der globalen Vergesellschaftung, erkämpft werden muss – und das letztlich auf die Notwendigkeit einer Überwindung des Kapitalismus verweist.

  1. These

Die langfristige Tendenz zur Subjektivierung von Geschichte und Politik verdichtete sich in der historischen Schwellenkonstellation der 1960er und 1970er Jahre und den Bewegungen der Neuen Linken in besonderer Weise. Die Suche nach radikalen Formen der Selbsterfahrung, gerade auch im kämpferischen Bezug auf das historisch Vergangene, bildete eine tragende Säule der Revolte. Gefordert wurden Möglichkeiten zur Entfaltung einer bedürfnisreichen Individualität. Die Gegenkulturen zielten damit auf eine Überwindung von Entfremdungserfahrungen: Ausgehend von den individuellen und sozialen Reproduktionsverhältnissen versuchten sie nicht nur das Private politisch zu begreifen, sondern alle Aspekte des Alltagslebens mit Bedeutung und Sinnlichkeit aufzuladen, die Dinge nicht nur im Gesamtzusammenhang zu sehen, sondern auch zu fühlen. Das gelang natürlich nur in Ansätzen. Die Neue Linke blieb letztlich in den Schranken bürgerlicher Vergesellschaftung befangen, konnte Rassismus und Geschlechterungleichheit zwar an vielen Punkten zurückdrängen, aber nicht beenden. Dennoch waren ihre konkreten Utopien über Jahrzehnte eine entscheidende Antriebskraft für vielfältige Befreiungskämpfe. Ihre Vitalität bezogen sie auch aus einer gleichermaßen spielerischen wie leidenschaftlichen Neuaneignung historischer Mythen: einer künstlerischen Symbolik der Entgrenzung und der Kultivierung sozialer Empathie, gegen die Entzauberung und Zerstückelung der Erfahrung. Sie mussten dazu mit dem Feuer der Mythen spielen.

  1. These

Es ist eine rationalistische Illusion anzunehmen, Emanzipationskämpfe unter Bedingungen bürgerlicher Vergesellschaftung ließen sich führen, ohne in irgendeiner Weise auf mythische Bilder zurückzugreifen. Es bleibt natürlich die Aufgabe der kritischen (Geschichts-)Wissenschaft, diese Bilder zu hinterfragen. Sie sollte sich aber nicht einreden, dass ihre skeptische Beobachterperspektive zum Maßstab von linken Geschichtsbezügen überhaupt gemacht werden kann. Wirklich problematisch wurden auch die Gegenmythologien der Neuen Linken erst in dem Maße, wie sie sich gegenüber den parallelen Versuchen zur kritisch-wissenschaftlichen und politisch-strategischen Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte zu verselbstständigen und als esoterische New Wave Religiosität, Drogenkult oder ritualisierte Widerstandspose zu verfestigen begannen. Erst dieses Auseinanderfallen der verschiedenen Sprachen der Revolte machte es möglich, dass die in ihnen enthaltenen historischen Erfahrungen vom Neoliberalismus so effektiv aufgenommen und individualistisch gewendet wurden: Seinem für Viele attraktiven Versprechen auf Selbstverwirklichung durch Markterfolg hatte die dekonstruktivistisch gewendete Linke wenig entgegenzusetzen – außer exzessiver Selbstkritik und der Demontage des eigenen intellektuellen Erbes. Die aktuelle gesellschaftliche Krise, in der die historischen Weichenstellungen der 1960er und 1970er Jahre innerhalb der Linken wieder intensiver diskutiert werden, könnte Anlass bieten, sich auch die eigene Tradition neu anzueignen, ihre noch immer frischen Spuren aufzudecken und ihre Symbole offensiver mit gegenwärtigen Erfahrungen und Utopien in Beziehung zu setzen.

MAX LILL ist Soziologe und lebt in Berlin. Ende 2013 veröffentlichte er das Buch „the whole wide world is watchin‘ – Musik und Jugendprotest in den 1960er Jahren. Bob Dylan und The Grateful Dead“ (Archiv der Jugendkulturen Berlin). Im Sammelband und Lesebuch “History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft” ist er mit dem Beitrag Schattenboxen im Spiegelkabinett. Oder: Vom altmodischen Versuch, Geschichte(n) zu schreiben vertreten.


 

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