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Wir dokumentieren an dieser Stelle die Überlegungen zur Abschlussdiskussion, die wir den Beteiligten im Vorfeld zukommen liessen. Auch einzusehen auf der Website der Diskussionsteilnehmerin Renate Hürtgen, hier.

 

Zur Abschlussdiskussion der Konferenz “History is unwritten”
AK Loukanikos, Oktober 2013
“[…] Es ist das Ziel, in der Abschlussdiskussion grundsätzliche Fragen zu diskutieren, die sich linker
Geschichtspolitik stellen. Konkrete Beispiele sind natürlich sinnvoll zur Illustration, aber wir
wünschen uns gerade auch grundsätzliche Aussagen oder Thesen.
Ihr findet hier nun den Arbeitstitel der Diskussion und einige Gedanken, was wir uns inhaltlich
vorstellen. Das soll nur als grober Orientierungsrahmen oder auch als Inspiration dienen und sollte
nicht als Drehbuch verstanden werden. natürlich müssen nicht alle aufgeworfenen Fragen
thematisiert werden.
Podiumsdiskussion
Eine andere Gegenerzählung? Konturen einer gemeinsamen kritischen Verortung
in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Es wird in dieser Diskussion die Frage nach möglichen gemeinsamen Fluchtlinien einer linken
Geschichtspolitik aufgeworfen, die die Heterogenität sozialer Bewegungen anerkennt und
zugleich eine gemeinsame Orientierung auf die Zukunft denkbar werden lässt. Wie kann ein Bezug auf die
Vergangenheit aussehen, der emanzipatorische Zukunftsvisionen befördert?
Diese Fragen existiert vor einem bestimmten historischen Hintergrund: Die Geschichte der
europäischen Linken im 20. Jahrhundert ist wesentlich bestimmt von ArbeiterInnenbewegung,
Nationalsozialismus und Stalinismus. Die heutige Linke muss sich bezüglich ihrer ‘eigenen
Vergangenheit’ der Entwicklung von einer diversen ArbeiterInnenbewegung zur Parteien- und
Elitendiktatur von Stalinismus und Realsozialismus als mögliche „Traditionslinie“ stellen.
Spätestens nach dem epochalen Bruch von 1989 stellt sich für die heutige Linke (so sie nicht
Geschichte als inhaltlichen Bezugspunkt generell ausschließt) insbesondere die Frage, wie sie eine
Konfrontation mit dieser Tradition gestalten will. Sollte ein Bezug auf linke Geschichte eher positiv
über das Aufspüren und Hervorheben der „Leistungen“, über die Momente des Vorscheins erfolgen?
Oder ist es nötig, mit einer „Durcharbeitung“ des Negativen, also der Auseinandersetzung mit jenen
linken Strukturen und Tendenzen, welche die Emanzipation letztlich verhinderten, das neuerliche
eigene Scheitern unwahrscheinlicher werden zu lassen? Handelt es sich bei der Geschichte des
Stalinismus um „die Fehler der Anderen“, aus deren Tradition man sich heraus definieren kann und
sollte?
Parallel zu diesem Blick auf die eigene (Organisations- und Bewegungs-) Geschichte, dienen und
dienten Vergangenheitsbezüge auch dazu, der Kritik des Bestehenden eine ideengeschichtliche
Heimat zu geben und eine Gegenerzählung gegen die bürgerliche Weltsicht zu entwerfen. Diese
Gegenerzählung soll Gegenstand der Diskussion sein.
Eventuell helfen folgende Fragen, die sich in drei Komplexe unterteilen ließen, das Problemfeld zu
umreißen:
Komplex 1: Wozu Geschichte?
Lohnt es sich für eine Bewegung, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen und eine eigene
Geschichtsschreibung zu entwickeln?
Was kann eine sinnvolle Funktion der Geschichte für die Linke sein? Hilft die Geschichte bei mehr
als Identitäts- oder Traditionsbildung? Kann man, kann die Linke aus der Geschichte lernen?
Wollen wir eine große Erzählung linker Geschichte, die Titel und Rahmen vorgibt und
Vergangenheit so greifbar macht? Wenn ja – mit welcher Begründung und wie sollte die Erzählung
aussehen?
Komplex 2: Für oder gegen was?
Linke Geschichtspolitik und -wissenschaft kann in herrschende Geschichtsbilder intervenieren, sie mit Einwänden konfrontieren oder sie verurteilen. Ist dabei mehr zu gewinnen als eine Modernisierung der nationalen Geschichtsschreibung? Wenn ja – wie ginge das vor sich? Linke Geschichte kann aber auch die eigene Geschichte entdecken, kritisieren oder über den grünen Klee loben: Sollte sich eine neue Gegenerzählung durch negative Abgrenzung vom „eigenem Vergangenen“, z.B. der Kritik am Stalinismus konstituieren? Oder macht es mehr Sinn die positiven Inhalte aufzugreifen und als Traditionsangebot zur Verfügung zu stellen? Sollte eine linke Gegenerzählung also eher durch negative, auch negativ-empathische Abgrenzung oder durch Ausgraben des vergessenen Positiven laufen?
Komplex 3: Charakter einer emanzipatorischen Gegenerzählung
Wenn es eine Neuformulierung linker Erzählungen braucht– welche Form sollten sie annehmen?
Wer ist Subjekt oder AdressatIn einer solchen Erzählung?
Wie kann die Suche nach der Vergangenheit der kommenden Revolution so gestaltet werden, dass
sie unversöhnlich den herrschenden Zuständen, aber versöhnlich den darin gefangenen Subjekten
gegenüber ist?
Wie könnte eine Gegenerzählung beschaffen sein, die der Falle einer erneuten Homogenisierung
entgeht? Wie kann ein Bezug auf die Vergangenheit aussehen, der emanzipatorische
Zukunftsvisionen befördert, ohne die Vergangenheit für die Gegenwart zu instrumentalisieren?
Brauchen wir linke Mythen? Bleibt uns ohne Mythos nicht nur noch der Positivismus, also die
Illusion, alles wahrheitsgemäß verstanden zu haben und zu erzählen?”